Werne: Ein Mann kommt nach Hause, unterhält sich auf dem Flur mit der Nachbarin über die Nachrichten des Tages und wird kurz darauf verhaftet, verurteilt und stirbt wenige Monate später in einem Gefängnis an den Folgen von Unterernährung.
Zwei andere werden ebenfalls wegen Äußerungen in Gesprächen verhaftet, der eine war einige Jahre zuvor Kommunalpolitiker, der andere ein bekannter Bauer aus Werne. Beide werden in Lagern ermordet.
In Werne? Ja, das geschah in Werne, und es ist gerade mal ein Menschenleben her. Die drei Männer, Opfer der Diktatur der Nationalsozialisten, waren Anton Beckmann, Ludwig Bode und August Klosterschulte. Sie gelten heute als politisch Verfolgte.

Am 23. Mai wurden an den Orten ihres letzten Wohnsitzes in Werne sowie an drei anderen Stellen Stolpersteine verlegt. Die kleinen Messingtafeln, ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, erinnern jeweils am Wohnort von NS-Opfern an deren Schicksal.
Neben den politisch Verfolgten wurden auch vier weitere Steine für jüdische Bürger verlegt, die Opfer der Nazis wurden oder unter Verfolgung und Entrechtung zu leiden hatten.

Der 23. Mai ist in Deutschland auch der Tag des Grundgesetzes, das am 23. Mai 2019 genau 70 Jahre alt geworden ist. Dass politische Verfolgung, Entrechtung und Ermordung heute nicht mehr möglich sind, garantiert dieses Grundgesetz, unsere Verfassung.

Die Verlegung der Steine sollte darum auch in dreifacher Hinsicht aufmerksam machen: auf das Unrecht der Vergangenheit, auf den Schutz, den unsere Rechte heute genießen, und auf Menschen, die diesen Schutz auch heute nicht haben, weil sie in ihren Ländern politischer Verfolgung und gelenkter Justiz ausgesetzt sind.
Dazu kam eine einzigartige Kooperation aus Stadtmuseum, Amnesty International und Anne-Frank-Gymnasium zusammen, um dieses Projekt zu stemmen.

Die Mitglieder der AG Schule-ohne-Rassismus-Schule-mit Courage recherchierten in Archivalien, die Herr Josef Börste in ehrenamtlicher Arbeit in Kreis- und Landesarchiven gefunden hatte, die Biographien und Schicksale der drei politisch Verfolgten.
Die Nüchternheit der Juristensprache und das sich dahinter verbergende menschliche Leid bilden in den Akten einen scharfen Kontrast.
Herr Berthold Welle, Vertreter der Amnesty- Ortsgruppe in Werne, stellte den AG-Mitgliedern Informationen über einige aktuelle Fälle politisch Verfolgter, nämlich Nasrin Sotoudeh, Raschid Brohi und Dong Guangping, zur Verfügung. Auch diese Fälle wurden studiert und schließlich gemeinsam mit den drei NS-Opfern bei der Verlegung der Stolpersteine vorgestellt.
Frau Dr. Constanze Döhrer, Leiterin des Stadtmuseums Werne, die die verschiedenen Gruppen zusammenbrachte, die Arbeit leitete und an vielen Stellen unterstützen konnte, lenkte bei der Verlegung der Stolpersteine am Donnerstag immer wieder den Blick auf die Grundrechte, die vor 70 Jahren, als Konsequenz aus Krieg und Diktatur, im Grundgesetz verbrieft worden waren.

Nachdem am Dienstag (21.5.) bereits bei einem ersten Rundgang in der Innenstadt die schon liegenden Stolpersteine poliert worden waren, wurden dann am Donnerstag von Gunter Demnig und unter Teilnahme von Bürgermeister Lothar Christ, Vertretern des Anne-Frank-Gymnasiums und zahlreichen Gästen, darunter auch Hinterbliebene zweier NS-Opfer, die neuen Steine verlegt.