Die Klasse 9a hat sich während der zwangsweise schulfreien Zeit vor den Osterferien vorgenommen, ein Tagebuch zu führen. Diese Tagebücher wurden mir jeweils am Ende der Woche zugesendet. Auszüge aus den Tagebüchern der ersten Woche wurden bereits im WA am 24. und am 30. März veröffentlicht.
Bei diesen Tagbucheinträgen ließen sich verschiedene Entwicklungen feststellen. Gab es zunächst noch etwas Freude über die langen „Ferien“, so kam doch schon nach kurzer Zeit Langeweile und Frustration auf. Man glaubt es kaum, aber die Schule wurde schon sehr bald vermisst. Natürlich vermissen die Schüler vor allem ihre Freunde, aber auch die Lehrer und den Unterricht (Zitat: „Ich vermisse den Unterricht mit meinen Freunden, der immer sehr lustig war.“ Oder: „Am meisten vermisse ich die Schule. Die Schule ist nie nur ein Ort gewesen, an dem ich gelernt habe, sondern ich habe dort jeden Tag meine Freunde getroffen und hatte Spaß mit ihnen!“).
Wenn auch im Laufe der ersten Woche, nachdem sich die Technik eingespielt hatte, die Hausaufgaben mehr wurden und die digitalen Lernangebote die Langeweile vertrieben und durchaus abwechslungsreich gestellt waren (Zitat: „Ich habe gemerkt, dass jetzt die meisten Lehrer herausbekommen haben, wie gut man Untis und Netman nutzen kann und uns deswegen total viele Aufgaben gegeben haben.“ Oder: „Ich habe mich heute Abend hingesetzt und für vier Fächer die Hausaufgaben gemacht. Ich bin so stolz auf mich!“), so fällt es den Schülern doch schwer, sich selbst zu organisieren, allein zu lernen und sich dazu zu motivieren, sich täglich an den Schreibtisch zu setzen und die Aufgaben abzuarbeiten (Zitat: „Mir persönlich fällt es schwer, den Lernstoff selber beizubringen, denn man verliert doch schnell den Überblick. Bis jetzt habe ich es trotzdem geschafft, alle Aufgaben rechtzeitig zu bearbeiten.“ Oder: “Ich war heute den ganzen Tag damit beschäftigt, Aufgaben für die Schule zu machen, da die Lehrer nicht ganz gnädig mit uns waren.“ Oder: „Ich verliere inzwischen den Überblick, welchen Wochentag wir gerade haben.“ Oder: „Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass mir das digitale Lernen zuhause zwar sehr viel Spaß macht, aber ich bin nicht so motiviert, als wenn der Lehrer mir und der restlichen Klasse persönlich den Unterrichtsstoff beibringt. Zudem ist man zuhause öfter von den digitalen Medien abgelenkt und kommt schneller in Versuchung, eine Pause einzulegen. Deswegen bevorzuge ich das Lernen in der Schule.“) Mir erscheint diese zwangsweise Selbstlernen übrigens nebenbei auch eine nützliche Vorbereitung für das Studium zu sein, bei dem man auch viel mehr auf sich selbst gestellt ist.
Darüber hinaus konnte man aber auch mit Erstaunen lesen, was sich unsere Schüler alles einfallen ließen, um die Zeit sinnvoll zu füllen. Hilfe in Haus und Garten steht dabei ganz oben auf der Agenda, und die ist durchaus vielfältig. Vom Unkrautjäten, Rasenmähen, Vertikutieren bis hin zum Bäumefällen und Brennholzschichten war alles mit dabei. Im Haushalt standen nicht nur Putzen, Aufräumen und Ausmisten (Zitat: „Endlich wird unser Haus mal leerer.“ Oder: „Vor lauter Langeweile wird bei uns das ganze Haus ausgemistet.“), sondern auch das Ausprobieren neuer Koch- und Backrezepte an (Zitat: „Meine Schwester und ich kochen jeden Tag das Mittagessen und es

macht wirklich Spaß. Während wir kochen, singen und tanzen wir ganz viel.“ Oder: „Meine Mutter ist sehr erleichtert, wenn sie von der Arbeit kommt und sieht, dass das Essen schon gemacht ist.“). Einige halfen auch beim Renovieren und können jetzt streichen bzw. tapezieren.
Viele normale Aktivitäten bekamen einen neuen Stellenwert, so z.B. das Musizieren, das Fahrradfahren oder die Beschäftigung mit den Haustieren. Aber auch das Lesen (Zitat: „Heute habe ich ein neues Buch angefangen. Lesen ist momentan ein guter Zeitvertreib für mich.“ Oder: „Im Moment lese ich wirklich mehr, vor allem am Wochenende.“ Oder: „In dieser Woche habe ich eine ganze Trilogie geschafft!“) und das Spielen von klassischen Brettspielen wie Monopoly mit der Familie erlebte einen Aufschwung. Es beruhigt den Deutschlehrer in mir ungemein, dass nicht nur Computerspiele in der Freizeit gespielt werden, wenngleich das „Zocken“ natürlich für viele Jungen auch mit dazugehört genauso wie das stundenlange Telefonieren und Chatten für die Mädchen.
Auch Hilfe für andere steht hoch im Kurs. Viele passen auf kleinere Geschwister auf, machen jetzt Einkäufe für ihre Großeltern, gehen für sie zu Apotheke, oder sie übernehmen ganz das Einkaufen für zuhause, weil die Eltern noch arbeiten müssen. Aber auch die Eltern bemühen sich, den Kindern in dieser Situation noch Gutes bieten zu können (Zitat: „Etwas Besonderes war das Abendessen, normalerweise gibt es Raclette nur zu besonderen Anlässen, aber meine Eltern versuchen, mich und meinen Bruder bei guter Laune zu halten.“).
Allen fehlt natürlich der Sport, an die Stelle des Vereinssport treten aber jetzt andere Dinge. (Zitat: „Heute haben wir einen Ausflug unternommen. Wir sind etwas gegen Mittag von Herbern bis zu McDonald’s gelaufen und haben dort als Abwechslung Mittag gegessen. Wir haben uns an dem McDrive unser Essen geholt und standen zwischen den Autos. Viele Autofahrer fanden das lustig.“).
Besonders traurig sind aber natürlich jetzt die Schüler, die in dieser Zeit Geburtstag haben und ihn nicht mit Freunden feiern konnten. Aber auch Geburtstage in der Verwandtschaft liefen anders ab als sonst. All dies haben die Schüler in beeindruckender Offenheit geschildert und auch reflektiert.
In der zweiten Woche nahmen Ängste und Besorgnisse der Schüler zu, was angesichts der steigenden Zahl von Infizierten und Toten verständlich ist (Zitat: “Ich bedaure, dass ich meine Großeltern für so lange Zeit nicht sehen kann bzw. nicht umarmen kann. Ich würde so gerne etwas mit ihnen machen und ich habe ziemlich Angst, dass ihnen vielleicht etwas passieren kann. Wenn ich die Nachrichten im Fernsehen sehe, habe ich direkt Tränen in den Augen.“ Oder: „Aufgrund des Virus kann man auch in den Ferien nicht viel machen. Alles macht mich traurig: Wie wird Ostern ablaufen? Können wir uns noch wie sonst mit den Verwandten treffen? Was passiert nach den Ferien? Können wir dann wieder zur Schule gehen? Es ist so eine große Ungewissheit da, da niemand weiß, wie lange das Virus noch bleiben wird!“). Hatten viele Jugendliche noch anfangs gedacht „Mich betrifft das sowieso nicht“, machen sich jetzt doch mehr Sorgen breit, vor allem um die Gesundheit der Großeltern. Gleichzeitig nahm die Sehnsucht nach dem normalen Alltag, vor allem nach dem Treffen mit Freunden zu. Die Nähe zur Familie und das ständige Zusammensein mit Eltern und Geschwistern wurde manchmal auch als bedrückend empfunden ( Zitat: „Kaum noch Privatsphäre, da meine Eltern eigentlich die ganze Zeit im Haus sind wie ich.“), gleichzeitig verstärkte sich bei den Einzelkindern das Gefühl der Einsamkeit (Zitat: „Außerdem fühl ich mich jetzt ohne Schule bedeutend einsamer. Ich bin ein Einzelkind und gerade in solchen Situationen hätte ich schon gerne eine Schwester oder einen Bruder.“). Mit dem wachsenden Bewusstsein für den eigenen verantwortungsvollen Umgang stieg gleichzeitig auch die Kritik und an Leuten, die sich nicht an Abstandsregeln o.ä. halten bzw. durch Hamsterkäufe auffallen (Zitat: „Ich finde es erschreckend, dass alles ausverkauft war: kein Mehl, keine Nudeln… mehr.“).
Einige der Schüler sehen jedoch auch die positiven Nebeneffekte der Kontaktsperre (Zitat: „Es wird durch den deutlich reduzierten Verkehr und das Abschalten von Fabriken weniger Treibhausgas in die Luft abgegeben. Auch die weißen Kondensstreifen sind kaum noch am Himmel zu sehen. So erholt sich wenigstens die Natur.“ Oder: “Ich merke, dass ich mich über kleine Dinge freue, über welche ich mich vorher nie gefreut habe.“ Oder: „Ich habe in diesen letzten zwei Wochen erst richtig bemerkt, wie gut wir es bisher hatten. Vor einem Monat war jeder Tag etwas Besonderes und ich habe es gar nicht so richtig wertgeschätzt.“ Oder: "Jetzt gehe ich tatsächlich ohne Musik spazieren und das ist auch gut so. Dinge, für die ich mir sonst nie Zeit genommen hätte, wie z.B. Tagebuch zu schreiben, werden jetzt immer normaler für mich.“)
In der zweiten Woche hatte ich die Schüler gebeten ihre jetzige Situation doch einmal mit der von Anne Frank zu vergleichen, deren Tagebuch wir im letzten Jahr ausführlich gelesen und besprochen hatten. Auch dazu lieferten die Schüler lesenswerte Gedanken ab, von denen ich einige zitieren möchte.
Zitat: „Wir finden diese Situation schon jetzt ganz schlimm, aber wie war die Situation im Krieg. Die Juden durften gar nicht raus und mussten sich verstecken. Hier weiß ja jeder, wo wer wohnt, aber versteckt leben, stell ich mir schrecklich vor. Dann lebe ich lieber noch ein paar Wochen und Monate so, als mich verstecken zu müssen.“
Oder: „Da wir im Unterricht das Tagebuch der Anne Frank besprochen haben, weiß ich, dass es uns jetzt noch sehr gut geht. Wir dürfen noch raus, können uns Lebensmittel besorgen, wohnen auf viel Platz und müssen nicht in Angst leben, aufgrund unserer Religion entdeckt und verschleppt zu werden.“
Oder: „Es erinnert mich langsam alles an Anne Frank, nur dass es uns noch deutlich besser geht. Wir können ab und zu raus, müssen nicht leise sein und haben genug zu essen. Und wir haben Medien und können uns noch unzählige Sachen gegen Langeweile besorgen, Anne Frank musste mit dem auskommen, was sie hatten. Eigentlich darf man gar nicht meckern, weil es uns noch so verdammt gut geht. Aber wir leben halt in einer Luxuswelt, wo Meckern auf hohem Niveau üblich ist!“
Oder: „Jetzt kann ich mir sehr gut vorstellen, wie es Anne Frank und den anderen in dem Versteck im Hinterhaus ergangen ist. Das ständige Bücherlesen und Lernen, ohne jede Möglichkeit, sich mit Freunden zu treffen oder zur Schule zu gehen.“
Oder: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich Anne Frank in ihrem Versteck gefühlt hat. Ich würde bestimmt verrückt, wenn ich den ganzen Tag im Haus sitzen müsste und mich nicht draußen bewegen könnte. Ich kann mir aber auch die Situation in den Flüchtlingslagern nicht vorstellen, wo die Menschen dicht gedrängt leben müssen und keine Dinge haben, mit denen sie sich beschäftigen können. Da haben wir es wirklich noch gut. Ich kann nach draußen gehen, wir haben ein Haus mit Garten, wenn ich will, kann ich mich auf mein Zimmer zurückziehen und meine Eltern müssen sich auch keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen.“
Oder: „Wie haben die Juden das früher beim Untertauchen bloß ausgehalten? So viel Courage wie Anne Frank möchte ich auch mal haben, dass ich ohne mich zu beklagen, in einer so kleinen Wohnung für so lange Zeit sitze und mein Zimmer mit einem, sagen wir mal, nicht ganz so angenehmen Mann zu teilen.“
Oder: „Eigentlich sollte man über den Zustand jetzt nicht jammern, weil es anderswo den Menschen noch viel schlechter geht. Ich hoffe, es wird bald alles wieder normal. Wie hat Anne Frank das damals nur ausgehalten – zwei Jahre im Versteck…? Auf jeden Fall weiß man schon mal, dass sich nach diesem Virus etwas auf dieser Welt verändern wird.“

Mit diesen eindrucksvollen und sehr berührenden Gedanken der Schüler und Schülerinnen der 9a möchte ich diesen Artikel beenden. Ich bin froh und stolz, dass die ganze Klasse sich auf das Experiment, Tagebuch zu schreiben, eingelassen hat und dass dabei so schöne Ergebnisse und kluge Gedanken herausgekommen sind.
Birgit Berendes