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Vom Schülerausausch zum Eckpfeiler der Bildungslandschaft

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Wer an der Western Kentucky University zum Beispiel im Deutschprogramm studiert und Lehrer/-in werden möchte, kann als Gastreferendar/-in vier Wochen am Anne-Frank-Gymnasium in Werne (Nordrhein-Westfalen) hospitieren. Den Grundstein für diese außergewöhnliche Ausbildungsstation legte der Schüleraustausch mit der Warren Central High School in Bowling Green. Heike Armbrust, der Initiatorin auf deutscher Seite, wurde für ihr Engagement inzwischen eine besondere Ehre zuteil.

Höchst selten findet man mich sprachlos, das kann ich ganz sicher sagen. Als aber Dr. Gary Ransdell, Präsident der Western Kentucky University (WKU) in Bowling Green, Kentucky, mir fast freundschaftlich die Hand drückte, gab es einen dieser Momente. Zuvor hatte er mich mit den Worten "Danke für Ihr Engagement, danke für alles, was Sie für unsere Studenten tun, danke für die Unterstützung der internationalen Ausrichtung der WKU" zur "Honorary Alumna" der Universität ernannt. In dieser Stunde, die für mich so etwas wie die Erfüllung meines persönlichen "American
Dreams" bedeutete, zogen viele Momentaufnahmen der gesamten Geschichte an mir vorbei. Im Herbst 2008 machten mein Schulleiter Heinz-Joachim Auferoth und ich uns auf den Weg zur  Warren Central High School nach Bowling Green, Kentucky, um eine Schulpartnerschaft zwischen der amerikanischen Schule und dem Anne-Frank-Gymnasium (AFG) in Werne aufzubauen. Die Gespräche waren schwierig, die damalige Schulleiterin konnte sich nicht damit anfreunden, ihre Schützlinge über den großen Teich zu schicken. "Das haben wir noch nie gemacht. Allein das Risiko. Wenn da was schief geht", lauteten ihre Einwände, die die Begeisterung der anderen Konferenzteilnehmer immer wieder bremste. "Das gibt nichts, da haben Sie keine Chance", versuchte mein Chef mich wieder auf den Boden der vermeintlichen Tatsachen zurückzuholen, was ich jedoch ganz anders sah. Ich nahm diese besondere Herausforderung an und setzte mich weiter dafür ein. Im Frühjahr 2009 konnte dann doch die Partnerschaft besiegelt werden, die seither auch durch das German-American Partnership Program (GAPP) gefördert wird.

Referendare aus Kentucky

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Inzwischen ist viel passiert. Rund 250 deutsche und amerikanische Schülerinnen und Schüler haben an unserem Austausch teilgenommen. Die nächsten 50 sind bereits in der Warteschleife und auch die jüngsten Schülerinnen und Schüler des AFG fragen jedes Jahr ungeduldig "Wann dürfen wir endlich mit nach Kentucky?" oder "Können Sie uns nicht jetzt schon mitnehmen?" Auf amerikanischer Seite haben wir mit GAPP ebenfalls überzeugt. Inzwischen haben sich nämlich auch die Greenwood High School und die South Warren High School dem Austauschprogramm angeschlossen. Somit werden bald mehr und mehr Schülerinnen und Schüler dort ein bisschen "Schwarz-Rot-Gold" im Herzen tragen, ebenso wie unsere Teenager das "Red, White & Blue" liebevoll pflegen. Da die Schülerinnen und Schüler während unserer GAPP-Besuche in Bowling Green auch immer das Vergnügen einer Campusführung hatten, entwickelten sich bald Kontakte zur WKU, zu Studierenden im Deutschprogramm und zu deren Professorin Dr. Laura McGee, deren Herz für Deutschland mindestens so schlägt wie meines für die USA. An sie wandte ich mich im Herbst 2012, weil das AFG auf der Suche nach einem "Teaching Assistant" war. Sie erzählte mir von einem Programm, das die WKU für ihre Referendare anbietet, nämlich den letzten Monat ihrer praktischen Lehrerausbildung international zu absolvieren. Gastreferendare aus Kentucky, das war perfekt! "Ich mache Dir einen Termin bei Dr. Carter, er ist der Leiter des Programms", plante Laura McGee begeistert – und schneller als ich gucken konnte, fand ich mich im Büro von Dr. Fred Carter wieder, der nach einer knappen Stunde intensiven Gesprächs übers ganze Gesicht strahlend verkündete "Sie und Ihre Schule sind genau das, was ich brauche." So nahm das Schicksal seinen Lauf – für die WKU, für das AFG in Werne, für Dr. Fred Carter, Dr. Laura McGee und mich persönlich, aber vor allem für die Lehramtsstudentinnen und -studenten aus Kentucky.

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Seit April 2013 kommen jedes Frühjahr und jeden Herbst jeweils 10 junge Amerikaner nach Werne. Sie unterrichten mit großem Erfolg bei unseren Schülerinnen und Schülern Englisch in allen Jahrgangsstufen ab Klasse 7 – und auch ihr eigenes Fach, egal ob Mathematik, Geschichte, Erdkunde oder Sport. Die Gastreferendare erfahren ihre Ausbildung ähnlich wie deutsche Referendare und assistieren zusätzlich im Englischunterricht. Bis zu 20 Wochenstunden gehören zu ihrer Ausbildung, außerdem noch ein wenig Unterstützung bei zwei Projekten, die das AFG in Zusammenhang mit GAPP und dem WKU Programm ins Leben gerufen hat. Studentinnen, deren Berufsziel das Grundschullehramt ist, gehen zeitweise auch an Grundschulen in Werne und Umgebung, um dort mit den "Kids" zu arbeiten. Unter dem Motto "English is fun" vermitteln sie ihnen spielerisch Kenntnisse zu Sprache und Kultur. Das ist wegen der geringen Sprachkenntnisse der Kinder nicht immer einfach, aber unsere Studentinnen nehmen es gelassen. "Hände und Füße waren zuerst da", sagen sie. Am Ende der Zeit an der Grundschule gibt es bei den Kindern oft Tränen, und auch die Frage "Kann ich Dein Autogramm haben?" ist keine Seltenheit. "Die Kinder sind so süß. Sie behandeln uns wie Stars, wenn wir sie in der Stadt treffen", weiß Jennay Dugan zu erzählen, die im Frühjahr 2014 unter den Gastreferendaren in Werne war. Ihre Kollegin Kelli Ralston hat Zukunftspläne: »Ich werde für GAPP werben, denn möglichst viele Teens sollten hierher kommen. Ich möchte gerne an der Warren Central High School arbeiten, wo ich auch Referendarin war, und dann selbst bei GAPP mitarbeiten."


Vorbereitung auf den Austausch

Aber auch hier in Werne leisten die Referendare aus Kentucky gute Dienste. Sie bereiten die Teenager auf den Schüleraustausch vor, die als nächste in den Startlöchern stehen. Sie machen auf kulturelle Unterschiede aufmerksam, teilen eigene Erfahrungen mit ihnen und beantworten unzählige Fragen, damit der Aufenthalt in den USA für die Gymnasiasten zu einem unvergesslich positiven Erlebnis wird. "Für uns ist die Zeit hier, die Ausbildung an der Schule, das Leben in den Gastfamilien und das Kulturprogramm eine große Bereicherung. Diese Chance hat man nur einmal im Leben", macht Chris Hamilton deutlich. In der Tat ist es für die meisten Gastreferendare aus Kentucky die große Chance ihres Lebens. Viele von ihnen hatten die USA oder gar ihren Heimatstaat Kentucky nie zuvor verlassen. Das Leben in der Kleinstadt Werne ist für sie ebenso faszinierend wie die Kulturerlebnisse in Berlin. "So viel Geschichte in einer Stadt – das ist unglaublich. Und vieles stammt aus einer Zeit, in der die USA noch gar nicht existierte", ist Tyler Magan fasziniert. "Dass ich wirklich hier war, alles gesehen habe, wovon ich in meinem Geschichtsunterricht sprechen werde, das wird alles greifbarer machen", fügt er begeistert hinzu.

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Die 27 Referendarinnen und Referendare der WKU, die bislang in Werne ihre Ausbildung abschließen konnten, sind sich einig: "Wir wollen alles tun, damit noch mehr Studenten aus Kentucky herkommen und das erleben, was unser Leben verändert hat", äußert sich Tim Phelps nachdrücklich. Damit spricht er Dr. Laura McGee aus der Seele, die ergänzt: "Die Tandemarbeit zwischen amtierenden und zukünftigen Lehrern zeigt, welchen Gewinn diese Kooperation über den Atlantik hinweg haben kann. Diese Art des Austauschs ist essentiell für interkulturelles Verständnis. Die Beziehungen zwischen Werne und Bowling Green, sowohl durch den GAPP-Austausch an den drei Bowling Green High Schools als auch durch die Ausbildung der Lehramtsstudenten der WKU, hat so manches Leben verändert und junge Menschen inspiriert, selbst an weiteren Austauschen teilzunehmen oder in ihrer Arbeitsumgebung zu fördern. Ich liebe es, das Lächeln auf den Gesichtern zu sehen und freue mich über die Freundschaften, die daraus hervorgehen. Es gibt kaum etwas Lohnenswerteres in meiner Arbeit in der Hochschulbildung."